So beeinflusst unsere Kultur, wie Kinder andere verstehen lernen

Studie in Japan und Deutschland: Soziales Verstehen entwickelt sich unterschiedlich

Schulkinder arbeiten in einem japanischen Klassenzimmer konzentriert an Tischen.

Inhalt

Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren!

27. April 2026

Kinder müssen früh lernen zu erkennen, was andere Menschen denken, wissen oder beabsichtigen. Diese Fähigkeit gilt als zentrale Grundlage für soziale Beziehungen und erfolgreiches Zusammenleben.

Eine aktuelle Studie hat nun erstmals die sozial-kognitive Entwicklung von Grundschulkindern in Japan und Deutschland verglichen. Die Studie zeigt: Soziales Verstehen folgt einer universellen Struktur. Gleichzeitig entwickelt es sich kulturell jedoch unterschiedlich schnell. Die Studie wurde jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Child Development veröffentlicht.

Komplexes soziales Verstehen entwickelt sich schon in der Grundschule

Für ein funktionierendes Zusammenleben müssen Kinder früh lernen zu erkennen, was andere wissen, denken oder beabsichtigen. Diese Fähigkeit wird in der Entwicklungspsychologie als „Theory of Mind“ bezeichnet. Während einfache Formen davon bereits im Vorschulalter entstehen, entwickeln sich komplexere Aspekte noch weit in der Grundschulzeit und darüber hinaus.

Die neue Studie untersuchte genau diese weiterführenden Fähigkeiten des sozialen Verstehens bei Kindern in Japan und Deutschland. Insgesamt nahmen mehr als 800 Schüler*innen im Alter von acht bis zwölf Jahren an verschiedenen Aufgaben teil. Sie sollten zum Beispiel beurteilen, was Personen in sozialen Situationen denken, ob jemand unabsichtlich einen sozialen Fehler gemacht hat oder wie sich mehrdeutige Situationen interpretieren lassen.

Universelle Grundlagen, kulturelle Unterschiede

Die Studie wurde federführend von Christopher Osterhaus von der Universität Vechta in Zusammenarbeit mit Shingo Uchinokura und Hiromi Tsuji durchgeführt. Sie fanden heraus: Trotz kultureller Unterschiede folgt die Entwicklung komplexer sozialer Fähigkeiten offenbar einer gemeinsamen Grundstruktur. In beiden Ländern lassen sich drei zentrale Bausteine sozialen Verstehens unterscheiden.

1. Das explizite Nachdenken über die Gedanken anderer Menschen
2. Das Erkennen sozialer Regelverletzungen
3. Der Umgang mit mehrdeutigen Situationen

Darüber hinaus zeigte sich, dass die Entwicklung dieser Fähigkeiten je nach Kultur unterschiedlich verläuft. Deutsche Kinder schnitten besonders gut bei Aufgaben ab, bei denen sie verschachtelte Gedanken nachvollziehen mussten, etwa wenn eine Person darüber nachdenkt, was eine andere Person glaubt. Japanische Kinder entwickelten diese Fähigkeiten eher schrittweise über einen längeren Zeitraum über mehrere Schuljahre hinweg.

„Unsere Ergebnisse belegen, dass Kinder überall lernen, andere Menschen zu verstehen. Aber Kultur beeinflusst, wann und wie bestimmte Aspekte dieser Fähigkeit besonders deutlich hervortreten.“

Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Christopher Osterhaus, Universität Vechta

Die Unterschiede könnten mit verschiedenen Kommunikationsstilen zusammenhängen, vermuten die Forschenden. In vielen westlichen Kontexten werde im Alltag offen darüber gesprochen, was Menschen denken, glauben oder fühlen. In Japan dagegen wird häufiger erwartet, dass Kinder soziale Situationen aus dem Kontext heraus verstehen und unausgesprochene Hinweise wahrnehmen – ein Prinzip, das dort als kuuki o yomu bezeichnet wird, also „die Atmosphäre lesen“.

Unterschiedliche Perspektiven würden daher seltener ausdrücklich diskutiert, auch um Konflikte zu vermeiden. „Wenn Kinder weniger darüber sprechen, was Menschen denken oder glauben, haben sie auch weniger Gelegenheit, genau diese Art von Denken zu üben“, erklärt Christopher Osterhaus. „Das könnte erklären, warum sich komplexe Perspektivübernahme in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich entwickelt.“

Die Forschenden hinter dem Projekt
Christopher Osterhaus

Christopher Osterhaus © Universität Vechta

Juniorprofessor für Entwicklungspsychologie im Handlungsfeld Schule, Universität Vechta (Deutschland)

Christopher Osterhaus leitet das Developing Minds Lab an der Universität Vechta und erforscht die Entwicklung zentraler Denk- und Lernprozesse im Kindesalter. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen wissenschaftliches Denken und soziale Kognition – insbesondere die Fähigkeit, Evidenz zu bewerten und die Perspektiven anderer Menschen zu verstehen.

Er koordiniert internationale Forschungsprojekte, in denen untersucht wird, wie sich diese Kompetenzen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten entwickeln. Seine Studien verbinden Entwicklungspsychologie, Bildungsforschung und kulturvergleichende Ansätze, um grundlegende Mechanismen des Lernens sichtbar zu machen.

Ziel seiner Forschung ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu gewinnen, wie Kinder denken, lernen und soziale Informationen verarbeiten – und dieses Wissen für die Gestaltung von Schule und Bildung nutzbar zu machen.

Bildunterschrift

Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor sit amet. Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua.

Professorin für Psychologie, Osaka Shoin Women’s University (Japan)

Hiromi Tsuji ist Expertin für die Entwicklung sozialer Kognition bei Kindern. Ihre Forschung konzentriert sich darauf, wie Kinder lernen, die Gedanken, Gefühle und Perspektiven anderer Menschen zu verstehen – eine Fähigkeit, die als Theory of Mind bezeichnet wird.

Sie untersucht insbesondere, wie Sprache, soziale Interaktion und kulturelle Kontexte diese Entwicklung prägen, und entwickelt Ansätze, um Perspektivübernahme und soziales Verstehen gezielt zu fördern.

Prof. Dr. Hiromi Tsuji

© Prof. Dr. Hiromi Tsuji

Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum. Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor sit amet. Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua.

Associate Professor für Science Education, Kagoshima University (Japan)

Shingo Uchinokura forscht an der Schnittstelle von Bildungswissenschaft und naturwissenschaftlichem Lernen. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Frage, wie Kinder wissenschaftliches Denken entwickeln – etwa wie sie Beobachtungen von Schlussfolgerungen unterscheiden, Argumente aufbauen und komplexe Probleme lösen.

Seine Forschung verbindet kognitive Entwicklungsprozesse mit konkreten Unterrichtskontexten und trägt dazu bei, naturwissenschaftliches Lernen im Schulalltag gezielt zu fördern.

Dr. Shingo Uchinokura

© Dr. Shingo Uchinokura

Einblick in Arbeit der japanischen Wissenschaftlerin Hiromi Tsuji

Neben anderen internationalen Expert*innen gibt die Professorin Einblicke in aktuelle Forschung in Entwicklungs- und Pädagogischer Psychologie.
Das PsyKo-Int Projekt hilft Lehramtsstudierenden psychologische Kompetenzen zu stärken.

Bedeutung der Studie für Schulen und Eltern

Die Ergebnisse zeigen zugleich, dass Gespräche über Gedanken, Gefühle und Perspektiven eine wichtige Rolle für die soziale Entwicklung von Kindern spielen – unabhängig vom kulturellen Kontext. Auch in Deutschland kann es deshalb hilfreich sein, solche Gespräche bewusst zu fördern, empfiehlt Prof. Osterhaus.

„Wenn Eltern oder Lehrkräfte mit Kindern darüber sprechen, warum Menschen etwas glauben, warum Missverständnisse entstehen oder wie unterschiedliche Perspektiven zustande kommen, trainieren Kinder genau die Fähigkeiten, die für komplexe Perspektivübernahme wichtig sind“, sagt Osterhaus.

Die Studie zeigt damit, dass die Fähigkeit, andere zu verstehen, auf gemeinsamen kognitiven Grundlagen beruht, sich ihre Entwicklung jedoch im Zusammenspiel mit kulturellen Lernumwelten entfaltet. Kinder überall auf der Welt lernen, Gedanken und Perspektiven anderer zu verstehen. Doch wie schnell und auf welche Weise sie diese Fähigkeiten entwickeln, wird auch durch die sozialen Erfahrungen geprägt, die sie im Alltag machen.

Hier finden Sie die vollständige deutsch-japanischen Studie
Weitere Untersuchungen der Entwicklungs-Psycholog*innen

Die Arbeitsgruppe um den Entwicklungspsychologen Christopher Osterhaus an der Universität Vechta untersucht in mehreren internationalen Projekten, wie Kinder lernen, Gedanken, Gefühle und Perspektiven anderer Menschen zu verstehen.

Ein Schwerpunkt liegt auf kulturvergleichender Forschung. Im Projekt ESCoLAR arbeitet das Team aus Vechta mit Partneruniversitäten in Argentinien, Costa Rica, Uruguay und El Salvador zusammen. Die Länder Südamerikas gelten ähnlich wie Japan kulturell ebenfalls als stärker kollektivistisch geprägt, stehen Europa jedoch historisch und gesellschaftlich näher als ostasiatische Kulturen. Dadurch eröffnet sich eine neue Perspektive, um besser zu verstehen, wie unterschiedliche kulturelle Kontexte die Entwicklung sozialer Fähigkeiten prägen.

Darüber hinaus untersucht die Arbeitsgruppe im Projekt SCUOLA, wie sich soziale Perspektivübernahme bereits im Kindergarten gezielt fördern lässt. In dieser Studie wird ein Trainingsprogramm eingesetzt, das Kindern hilft, Gedanken, Gefühle und Perspektiven anderer besser zu verstehen. Ziel ist es herauszufinden, inwieweit sich diese zentralen sozialkognitiven Fähigkeiten durch pädagogische Maßnahmen systematisch stärken lassen.

Parallel dazu wird auch die internationale Zusammenarbeit mit Japan weiter ausgebaut. Das Team um Christopher Osterhaus plant für den Herbst 2026 den Beginn einer neuen Längsschnittstudie, in der Kinder in Japan und Deutschland über mehrere Jahre hinweg begleitet werden sollen. Auf diese Weise soll noch genauer untersucht werden, wie sich komplexe Formen des sozialen Verstehens im Laufe der Kindheit entwickeln und welche Rolle kulturelle Lernumgebungen dabei spielen.

Weitere Studien der Universität Vechta zur psychologischen Entwicklung von Kindern

Ein Kind flüstert einem andereen etwas ins Ohr

Wann Kinder lernen, andere zu verstehen
Umfassendste Studie bislang weist Entwicklung in der Grundschulzeit nach

Kinder lernen wissenschaftliches Denken früher als gedacht
Bislang umfassendste Studie im Grundschulalter dazu zeigt Einfluss von Eltern

Ein Vater erklärt seiner Tochter etwas

Wie Eltern wissenschaftliches Denken von Kindern prägen

Prof. Christopher Osterhaus über langfristigen Einfluss außerhalb der Schule

Jetzt teilen: